30. April 2018. Niedrigzinsumfeld verhindert notwendige strukturelle Anpassungen in Unternehmen.

Hamburg, 30. April 2018.

Positive Konjunkturentwicklung und Finanzierungsumfeld führen zu geringem Insolvenzrisiko

Die EZB flutet die Märkte seit Jahren mit billigem Geld. Der Zinssatz für Banken liegt seit 2014 bei 0,0% und seit 2016 werden Geschäftsbanken mit einem Negativzins i.H.v. -0,4% sogar für ihre Geldeinlagen „bestraft“. Eines ihrer Ziele hat die EZB damit tatsächlich erreicht, nämlich die Kreditvergabe von Banken an Unternehmen anzukurbeln. Seit Mitte 2014 ist die Kreditvergabe in Deutschland kontinuierlich gestiegen, zuletzt um 1,3% im 4. Quartal 2017. In Folge der Finanz- und Staatsschuldenkrise 2011-12 kam es in den Vorjahren zu einem starken Rückgang der Kreditvergabe, von dem aber sechs Jahre später nichts mehr zu spüren ist. Insgesamt sind die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen in Deutschland äußerst positiv: neben der gesteigerten Kreditvergabe drücken dies auch andere Indikatoren wie Arbeitslosenzahlen oder Konjunkturerwartungen aus. Der aktuelle ifo-Geschäftsklimaindex befindet sich weiterhin auf hohem Niveau in der Kategorie „Boom“.

Die wirtschaftliche Entwicklung spiegelt sich auch bei den Unternehmensinsolvenzen wider. Gemäß den von Creditreform veröffentlichten Zahlen war 2017 das achte Jahr in Folge, in dem die Anzahl der Unternehmensinsolvenzen im Vergleich zur Vorperiode rückläufig ist (zuletzt um 6,8 % auf rund 20.100). 

 

 Abb1

Nach Ansicht von Experten wird sich diese Entwicklung auch im Jahr 2018 fortsetzen. Gestützt durch niedrige Zinssätze, ein stabiles Konsumverhalten sowie insgesamt wachsende Export-Erlöse deutscher Unternehmen sind die Rahmenbedingungen so gut, dass mit einem weiteren Rückgang der Unternehmensinsolvenzen zu rechnen ist. Doch es mehren sich die Zeichen, dass bei bald eine Trendwende erreicht sein könnte. In England und in den USA ist die Anzahl der Insolvenzen im Jahr 2017 bereits gestiegen.

Für die Liquiditätssituation von Unternehmen – und damit dem Insolvenzrisiko – ist der Refinanzierungszinssatz ein wichtiger Faktor. Eine kürzlich veröffentlichte Studie der Creditreform hat gezeigt, dass 15% der fremdfinanzierten Firmen im Betrachtungszeitraum 2014 bis 2016 nicht in der Lage waren, ihre Zinsen aus dem operativen Geschäft zu verdienen - trotz der guten konjunkturellen Lage. Tilgungszahlungen dürften damit nur stark eingeschränkt möglich gewesen sein. In einer Szenarioanalyse wurden auf Basis der Bilanzdaten von rund 7.400 Unternehmen außerdem Auswirkungen einer EZB-Zinserhöhung auf die Schuldentragfähigkeit deutscher Unternehmen untersucht. In dem von Creditreform untersuchten Szenario einer möglichen Zinserhöhung um drei Prozentpunkte würde fast jedes fünfte Unternehmen (19,3%) keine adäquate Zinsdeckung mehr erreichen.

 

Abb2 

Der Befund ist bemerkenswert, denn trotz der positiven Rahmenbedingungen haben bereits jetzt 15% der Unternehmen im aktuellen Niedrigzinsumfeld keine ausreichende Schuldentragfähigkeit und müssen mit ihrer Bank über Stundungen der Zinsen oder andere finanzielle Restrukturierungsmaßnahmen verhandeln. Bei einer Zinserhöhung würde der Anteil um 4 Prozentpunkte ansteigen. Ein Ausweg wäre den Kapitaldienst aus noch verfügbaren Cash-Reserven zu leisten. Wenn dies nicht gelänge, wären sie zahlungsunfähig. Diese Unternehmen werden umgangssprachlich als „Zombies“ bezeichnet, da sie operativ eigentlich nicht überlebensfähig sind.

Die Bundesbank definiert Zombie-Unternehmen als solche, die über drei Jahre in Folge ihre Zinsaufwendungen (einschließlich zinsähnlicher Aufwendungen) durch das Betriebsergebnis vor Zinsen (EBIT) nicht decken können. Dabei kommt die Bundesbank auf Grundlage ihrer Bilanzdatenbank zu niedrigeren Zahlen als die Creditreform: es werden 4,7% der deutschen Unternehmen in 2015 als Zombies klassifiziert. Ein Grund für die unterschiedlichen Ergebnisse sind die Datenquellen: die Bundesbank hat Zahlen aus der Bilanzdatenbank der Bundesbank verwendet, während Creditreform sich auf die Dafne Datenbank stützt.

 

Niedrigzinsumfeld reduziert Handlungsdruck für Veränderungsprozesse
Die Gründe auf Unternehmensebene für eine schwache Ertragslage sind oftmals Fehlinvestitionen, veraltete Produktionsmittel, nachteilige Führungs- oder Gesellschafterstrukturen oder ein veraltetes Geschäftsmodell in einem sich durch technologischen Wandel schnell und radikal wandelnden Umfeld. Dadurch sind diese Unternehmen nicht mehr wettbewerbsfähig und der operative Ertrag reicht nicht aus, um Zins- und Tilgungen zu decken.

Einige dieser Unternehmen durchlaufen strukturelle Veränderungen und Anpassungen, die eine langfristige Neuausrichtung ermöglichen. Dies sind die Erfolgsgeschichten von morgen. Auf dem Weg dahin müssen jedoch häufig schmerzhafte aber im Ergebnis notwendige Veränderungsprozesse durchlaufen werden. Andere sind wiederum nicht sanierungsfähig und werden daher im Rahmen einer Marktbereinigung ihr Geschäft früher oder später einstellen (Vgl. Abb. 3). Solange das Finanzierungsumfeld positiv ist, besteht allerdings wenig Handlungsdruck, Veränderungsprozesse einzuleiten, um wettbewerbsfähig zu bleiben. Im Ergebnis verringert das Niedrigzinsumfeld den externen Handlungsdruck, notwendige Anpassungen und Innovationen umzusetzen.

 Abb4

 Momentan werden diese operativ unzureichend aufgestellten Unternehmen teilweise durch das billige Geld am Leben erhalten. Wenn sich das Zinsumfeld verändert und sich die Refinanzierungsbedingungen normalisieren werden viele dieser Zombie-Unternehmen als erste spürbare Probleme bekommen. Viele Experten rechnen bereits 2019 mit einer EZB-Zinserhöhung. Laut einer Umfrage unter 100 führenden Ökonomen wird die EZB im zweiten Quartal 2019 den Einlagensatz erstmals erhöhen. Die Erhöhung des Leitzinses wird Ende 2019 erwartet. 

 

Veränderungsbereitschaft herstellen und ein Change-Programm entwickeln

In wirtschaftlich guten Zeiten fehlt oft die Motivation Veränderungsprojekte anzugehen, da kein unmittelbarer Handlungsdruck vorhanden ist. Krisenanzeichen sind teilweise lediglich diffus erkennbar. Fehlen geeignete Steuerungsinstrumente (z.B. Kostenrechnungssystem oder Kennzahlen zu Deckungsbeiträgen oder Reklamationsquoten) ist die Entwicklung schwer nachvollziehbar. Gleichzeitig verändert sich das Wettbewerbsumfeld mit hoher Geschwindigkeit. So lange noch keine akute Liquiditätskrise herrscht, bestehen gute Chancen auf eine erfolgreiche Transformation und eine Anpassung des Geschäftsmodells – vorausgesetzt es werden im Unternehmen rechtzeitig die richtigen Weichen gestellt. Dies sollte einem systematischen Ansatz folgen. Neben einer Identifikation wesentlicher Stärken und Schwächen sollte ferner eine Veränderungskultur entwickelt werden, die Grundlage für eine erfolgreiche Umsetzung von Maßnahmen ist.

 

Zusammenfassung

1. Die Zahl der Unternehmensinsolvenzen bleibt voraussichtlich auch im Jahr 2018 rückläufig (Prognose: unter 20,000 in 2018).

2. Etwa 5-20% der deutschen Unternehmen (je nach Definition, Datenbasis und statistischer Methode) sind „scheintot“ (sog. Zombies), deren Existenz nur durch das Niedrigzinsumfeld ermöglicht wird.

3. Das Niedrigzinsumfeld verringert den Handlungsdruck für notwendige Anpassungen an das sich veränderte Wettbewerbsumfeld.

4. Die EZB-Niedrigzinspolitik hält voraussichtlich bis zum Ende des Jahres 2019 an, was die Refinanzierung von Unternehmen erleichtertet
(Prognose: Leitzins bei 0% bis zum 4.Q.2019).

5. Transparenz über die aktuelle Situation und ein hohes Maß an Veränderungsbereitschaft sind wichtige Voraussetzungen für betroffenen Unternehmen, den verbleibenden Zeitraum für die Identifikation und Umsetzung der erforderlichen Maßnahmen zu nutzen. Dies sichert den Erfolg auch in Zeiten steigender Zinsen.

 

Über Felbier Mall

Felbier Mall begleitet mittelständische Unternehmen, die sich in einer schwierigen Situation befinden. Wir helfen bei der Analyse und Bewertung der Ursachen und stehen für die gemeinsame Entwicklung von Lösungsansätzen als Sparringspartner zur Verfügung.

Mit unseren Erfahrungen aus zahlreichen Restrukturierungsprojekten und einem systematischen und erprobten Ansatz helfen wir Krisen zu vermeiden und Werte zu erhalten und zu steigern. 

01. Februar 2018. BGH-Urteil zur Feststellung der Zahlungsunfähigkeit: Absage an die Bugewellentheorie.

Hamburg, 01. Februar 2018.

BGH, Urteil vom 19.12.2017 — Aktenzeichen: II ZR 88/16

Der BGH stärkt die gängige Praxis bei Feststellung der Zahlungsunfähigkeit: alle fälligen Verbindlichkeiten im 3-Wochen-Zeitraum müssen berücksichtig werden

Der II. Zivilsenat des Bundesgerichtshofs (BGH) hat mit Urteil vom 19. Dezember 2017 entschieden, dass bei der Feststellung der Zahlungsunfähigkeit mithilfe einer sog. Liquiditätsbilanz (auch sog. Liquiditätsvorschau) auch die innerhalb von drei Wochen nach dem Stichtag fällig werdenden und eingeforderten Verbindlichkeiten (sog. Passiva II) einzubeziehen sind. Es war bis dato strittig, ob in der 3-Wochen-Betrachtung auch die innerhalb des Zeitraums noch fällig werdenden Verbindlichkeiten hinzugezogen werden. Wenn Letzteres zuträfe, könnte ein Unternehmen dauerhaft eine Liquiditätslücke nicht tilgbarer, fällig werdenden Verbindlichkeiten vor sich herschieben (als „Bugwelle“) ohne formal zahlungsunfähig zu sein. Dieser so bezeichneten „Bugwellentheorie“ erteilt der BGH damit eine deutliche Absage.

Darüber hinaus hat das BGH auf die Dokumentationspflicht und Verantwortung des Geschäftsführers hingewiesen. Ein GmbH-Geschäftsführer darf den vom Insolvenzverwalter aufgestellten Liquiditätsstatus nicht mit der pauschalen Behauptung widersprechen, die Buchhaltung sei nicht ordnungsgemäß geführt worden. Die Beweislast liegt beim Geschäftsführer und dieser hat vorzutragen und ggf. zu beweisen, welche der – auf Grundlage der Buchhaltungsinformationen – in der Liquiditätsvorschau eingestellten Verbindlichkeiten zu den angegebenen Zeitpunkten nicht fällig gewesen sein sollen.

 

Rechtsprechung fordert vom Unternehmer eine ex-ante Liquiditätsvorschau

Wenn ein Unternehmer die zu einem Betrachtungsstichtag sofort fälligen Verbindlichkeiten (sog. Passiva I) nicht zahlen kann, so hat er drei Wochen Zeit die benötigten Geldmittel zu beschaffen. Dazu ist eine Liquiditätsvorschau für den Zeitraum von drei Wochen aufzustellen, als eine „ex-ante Prognose“. Wenn in diesem Zeitraum die Liquiditätslücke mit überwiegender Wahrscheinlichkeit auf unter 10% geschlossen werden kann, so liegt keine Zahlungsunfähigkeit vor, sondern lediglich eine Zahlungsstockung. Es besteht keine Insolvenzantragspflicht mehr. Daher ist die 3-Wochen-Betrachtung für die Praxis von erheblicher Bedeutung.

Im prominenten Fall des insolventen Küchenherstellers Alno (vgl. Michael Ashelm, FAZ vom 9.1.2018) ist momentan strittig, wann die Insolvenzreife vorlag und ob sich der Vorstand ggf. einer Insolvenzverschleppung schuldig gemacht hat. Der vorläufige Insolvenzverwalter Martin Hörmann lässt derzeit durch die Staatsanwaltschaft prüfen, ob der Insolvenzantrag möglicherweise zu spät gestellt wurde. Dabei wird der Finanzplan der Gesellschaft dahingehend durchleuchtet, ob auch die zukünftig fällig werdenden Verbindlichkeiten eingestellt wurden. Laut dem FAZ-Artikel hätte Alno nach der BGH-Rechtsprechung dann bereits im Jahr 2013 Insolvenz anmelden müssen, und nicht erst im Dezember 2016.

 

Notwendigkeit einer ordnungsgemäßen Dokumentation der Geschäftsführung

In der Praxis war es bereits üblich, dass in der Liquiditätsvorschau auch die in den drei Wochen hinzukommenden und noch fällig werdenden Verbindlichkeiten berücksichtigt haben. Das BGH Urteil hat diese Vorgehensweise formal bestätigt. Außerdem wurden in den Leitsätzen des Urteils auf die Notwendigkeit einer ordnungsgemäßen Dokumentation durch die Geschäftsführung in einer Krise hingewiesen.

 

Über Felbier Mall GmbH
Felbier Mall ist eine auf Unternehmenssanierung spezialisierte Beratungs- und Management-Gesellschaft mit Sitz in Hamburg. Seit 2010 saniert und berät sie mit eigenen Managern und Beratern Unternehmen im letzten Krisenstadium vor oder nach Insolvenzanmeldung. Felbier Mall hat langjährige Erfahrung als operativer Sanierungsexperte und steht dem Unternehmer bei einem Liquiditätsengpass beratend zur Seite. Ziel ist es, die Krisenursachen zu beseitigen und gemeinsam die bestmöglichste Handlungsalternative für den Unternehmer herauszuarbeiten.

10. Januar 2018. Steuervorteile für bereits abgeschlossene Sanierungen sind gefährdet.

Hamburg, 10. Januar 2018

Der Bundesfinanzhof (BFH) hat mit Urteilen vom 23. August 2017 entschieden, dass der sogenannte Sanierungserlass des Bundesministeriums der Finanzen (BMF), der Sanierungsgewinne steuerlich begünstigt, für die Vergangenheit nicht angewendet werden darf.

In einem Beschluss am 28. November 2016 hatte der BFH den Sanierungserlass verworfen, weil er gegen den Grundsatz der Gesetzmäßigkeit der Verwaltung verstößt. In alten Fällen, in denen die an der Sanierung beteiligten Gläubiger bis 8. Februar 2017 endgültig auf ihre Forderungen verzichtet haben, wurde angeordnet, dass der Sanierungserlass jedoch weiterhin uneingeschränkt anzuwenden ist. Der BFH hat im August 2017 entschieden, dass diese Anordnung des BMF in gleicher Weise gegen den Grundsatz der Gesetzmäßigkeit der Verwaltung verstößt wie der sog. Sanierungserlass selbst. Eine solche Regelung hätte nach Auffassung des BFH nur der Gesetzgeber treffen können. Das bedeutet, dass die Finanzververwaltung den Sanierungserlass auch in Altfällen nicht anwenden durfte.

 

Folgen für die Praxis

Der Beschluss sorgte für Unruhe bei Unternehmen, die in den letzten Jahren eine außergerichtliche Sanierung hinter sich gebracht haben. Wenn dabei Gläubiger auf Forderungen verzichtet haben und die Steuerbescheide weiterhin anfechtbar sind, dann sollten Steuerbelastungen aus Schuldenerlassen zum Zwecke einer Sanierung als Rückstellung in die Bilanz aufgenommen werden. Sogar Unternehmen, die einen Insolvenzplan erfolgreich durchlaufen haben, sind möglicherweise betroffen, da die Steuerlast aus dem Forderungsverzicht auch nach Abschluss des Insolvenzverfahrens zu einer Steuerschuld führen kann.

 

Gesetzliche Neuregelung durch § 3a EstG und § 7b GewStG

Der Gesetzgeber hat daraufhin reagiert und über die neu eingeführten Vorschriften § 3a EStG und § 7b GewStG veranlasst, dass Sanierungsgewinne sowohl bei der Einkommen- und Körperschaftsteuer als auch bei der Gewerbesteuer steuerfrei sind. Sämtliche Vorschriften stehen jedoch unter dem Vorbehalt, dass die EU-Kommission die Vereinbarkeit mit dem europäischen Beihilferecht bestätigt. Dies ist bis zum Januar 2018 noch nicht erfolgt.

 

28. Dezember 2017. Berater gesucht.

Hamburg, 28.  Dezember 2017.

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01. November 2017. Veränderte Anforderungen an Sanierungskonzepte.

Hamburg, 01. November 2017.

Das Institut der Wirtschaftsprüfer in Deutschland e.V. (IDW) hat am 8.9.2017 eine Neufassung des sog. IDW Standards zu den Anforderungen an Sanierungskonzepte im Entwurf veröffentlicht. Die Neufassung wird zurzeit vom IDW diskutiert und soll den bisherigen Standard IDW S6 (veröffentlicht in 2012) Anfang 2018 ersetzen.

 

Neuerungen

Der neue Standard enthält kompaktere und teilweise gekürzte Erläuterungen zu den Bestandteilen eines Sanierungskonzepts (insbesondere zu den Krisenstadien, zum Leitbild des sanierten Unternehmens und zu den Sanierungsmaßnahmen). An den materiellen Kernanforderungen an Sanierungskonzepte ändert sich jedoch nichts. Es werden allerdings zwei Punkte besonders betont:


1. Der Sanierungsprozess besteht aus zwei Phasen: der Analyse einer möglichen Insolvenzreife und einer positiven insolvenzrechtlichen Fortbestehungsprognose (Phase 1) sowie der eigentlichen Erarbeitung und Umsetzung von Sanierungsmaßnahmen (Phase 2)

2. Es wurde klargestellt, dass für die Beurteilung der angemessenen Eigenkapitalausstattung bilanzielle Größen maßgeblich sind.

 

Auswirkungen auf die Praxis

Insbesondere die Forderung des IDW nach einem ausreichendem bilanziellen Eigenkapital anstelle des wirtschaftlichen Eigenkapitals als ein maßgebliches Kriterium zur Beurteilung der Sanierungsfähigkeit kann in der Praxis zu einem „Stolperstein“ werden. Ein qualifizierter Rangrücktritt wird in der Überschuldungsbilanz auf der Passivseite berücksichtigt, aber er wird in der Handelsbilanz nicht abgebildet. Dadurch ist der Unternehmer bei der Sanierung auf weitergehende Zugeständnisse, also Maßnahmen wie Forderungsverzichte oder Debt-to-Equity-Swaps der Gläubiger angewiesen, die wesentlich schwieriger zu verhandeln sind und möglicherweise zu einem steuerpflichtigen Sanierungsgewinn führen. Bisher war es möglich, dass bei ausreichend wirtschaftlichem Eigenkapital und möglicherweise unterdurchschnittlichem bilanziellen Eigenkapital ein Unternehmen dennoch als sanierungsfähig eingestuft werden konnte. Es bleibt abzuwarten, ob in der Sanierungspraxis tatsächlich ausschließlich auf bilanzielle Eigenkapitalwerte abgestellt wird, und damit das Erlangen der Sanierungsfähigkeit gem. dem IDW Standard zukünftig erschwert wird.

 

Mit der Neufassung wird verdeutlicht, dass Inhalt und Umfang von Sanierungskonzepten sich nicht an formaljuristischen Kriterien orientieren sollten, sondern die operativen und betriebswirtschaftlichen Notwendigkeiten im Vordergrund stehen. Gerade bei kleineren und mittleren Unternehmen erhöhen umfangreiche Konzepte die Wahrscheinlichkeit auf eine erfolgreiche Sanierung nicht.

 

Fazit

Der IDW S6 Standard hat sich für die an einer Krise beteiligten Stakeholder als wichtiger Eckpfeiler einer Sanierung etabliert. Mit der Neufassung wird die aktuelle Rechtsprechung des BGH in den IDW Standard aufgenommen und es wird noch stärker der Grundsatz der Wesentlichkeit in den Vordergrund gerückt.

Felbier Mall erstellt Sanierungskonzepte, die alle vom IDW geforderten Bestandteile abdecken und den aktuellen richterlichen Anforderungen genügen. Dabei steht die erfolgreiche Umsetzung der Maßnahmen stets an erster Stelle, so dass in enger Zusammenarbeit mit dem Unternehmen pragmatisch und zielorientiert Lösungen für einen erfolgreichen Turnaround gefunden werden. Der Umfang – und damit die Kosten für ein Sanierungskonzept – werden dabei streng an der Unternehmensgröße ausgerichtet.

 

20. September 2017. Haftung von GmbH-Geschäftsführern im Falle der Insolvenzantragspflicht

Hamburg, 20. September 2017.

BGH, Urteil vom 04.07.2017 — Aktenzeichen: II ZR 319/15

Das jüngste Urteil des Bundesgerichtshofs zur Insolvenzantragspflicht betrifft GmbH-Geschäftsführer, deren Gesellschaft zahlungsunfähig und damit insolvenzantragspflichtig ist.


Gemeinhin haftet der Geschäftsführer einer GmbH nach §64 GmbH-Gesetz für Zahlungen, die er nach Eintritt der Zahlungsunfähigkeit der Gesellschaft vorgenommen hat. Bisher war herrschende Meinung, dass dieses nicht für Zahlungen gilt, die erforderlich sind, um eine sofortige Einstellung des Geschäftsbetriebes zu verhindern und somit die Chancen für eine nachhaltige Sanierung des Unternehmens aufrecht zu erhalten. Dazu gehörten z.B. die Zahlungen für Strom, Telefon und auch die Löhne und Gehälter. Grundsätzlich gilt auch weiterhin, dass eine Haftung nach §64 S.1 GmbH-Gesetz entfällt, soweit die Zahlungen die Masse zwar geschmälert haben, diese aber durch eine für die Verwertung durch die Gläubiger geeignete Gegenleistung ausgeglichen wird.

 

In dem vorliegenden Urteil hat der BGH jetzt in letzter Instanz entschieden, dass die Zahlungen an die Stadtwerke sowie die Zahlung der Gehälter masseschmälernd im Sinne des §64 GmbH-Gesetz sind, diese nicht für die Verwertung durch die Gläubiger geeignet und daher vom GmbH-Geschäftsführer auszugleichen sind.

 

Fazit
Mit eingeschränktem Haftungsrisiko kann ein GmbH-Geschäftsführer nach Eintritt der Insolvenzreife zwar noch Maschinen und andere „reale“ und für die spätere Verwertung geeignete Gegenstände kaufen, Zahlungen für Dienstleistungen sowie Löhne und Gehälter unterliegen aber einem hohen Haftungsrisiko. Da die spätere Bestimmung des genauen Zeitpunktes des Eintritts der Zahlungsunfähigkeit meist sehr schwierig und daher regelmäßig Gegenstand von intensiven juristischen Auseinandersetzungen ist, sollten GmbH-Geschäftsführer es gar nicht erst soweit kommen lassen.


Um mögliche Haftungsansprüche zu vermeiden, sollte der Geschäftsführer zu jedem Zeitpunkt vollständige Klarheit über die finanzielle Lage – insbesondere die Liquiditätssituation - seiner Gesellschaft haben. Nur so kann sichergestellt werden, dass im Falle einer späteren Insolvenz keine persönlichen Haftungsansprüche gegen den Geschäftsführer für nach Eintritt der Insolvenzreife noch ausgeführte Zahlungen erhoben werden können.


Geschäftsführer sollten sich daher frühzeitig um die Implementierung entsprechender Planungs- und   Liquiditätsprognose-Systeme kümmern und im Bedarfsfall externe Expertise hinzuziehen.

 

Haftungsausschluss

Die Angaben auf dieser Website dienen allgemeinen Informationszwecken. Sie dürfen nicht als betriebswirtschaftliche, rechtliche oder steuerliche Beratung aufgefasst werden. Rechts- und/oder Steuerberatung wird von Felbier Mall nicht erbracht.

06. Juli 2017. Haftung von Steuerberatern - Hinweispflicht des Steuerberaters auf einen möglichen Insolvenzgrund

Hamburg, 06. Juli 2017.

BGH, Urteil vom 26.1.2017 — Aktenzeichen: IX ZR 285/14

Dieses Urteil des Bundesgerichtshofs betrifft Steuerberater, die mit der Erstellung des Jahresabschlusses einer GmbH beauftragt sind.
In seinem Urteil hat der BGH entschieden: Besteht für eine Kapitalgesellschaft ein Insolvenzgrund, scheidet eine Bilanzierung nach Fortführungswerten aus, wenn innerhalb des Prognosezeitraums damit zu rechnen ist, dass das Unternehmen noch vor dem Insolvenzantrag, im Eröffnungsverfahren oder alsbald nach Insolvenzeröffnung stillgelegt werden wird.
Danach ist der mit der Erstellung eines Jahresabschlusses für eine GmbH beauftragte Steuerberater ist verpflichtet zu prüfen, ob sich auf der Grundlage der ihm zur Verfügung stehenden Unterlagen und der ihm sonst bekannten Umstände tatsächliche oder rechtliche Gegebenheiten ergeben, die einer Fortführung der Unternehmenstätigkeit entgegenstehen können. Hingegen ist er nicht verpflichtet, von sich aus eine Fortführungsprognose zu erstellen und die hierfür erheblichen Tatsachen zu ermitteln.


Eine Haftung des Steuerberaters setzt voraus, dass der Jahresabschluss angesichts einer bestehenden Insolvenzreife der Gesellschaft objektiv zu Unrecht von Fortführungswerten ausgeht. Der mit der Erstellung eines Jahresabschlusses für eine GmbH beauftragte Steuerberater hat die Mandantin auf einen möglichen Insolvenzgrund und die daran anknüpfende Prüfungspflicht ihres Geschäftsführers hinzuweisen, wenn entsprechende Anhaltspunkte offenkundig sind und er annehmen muss, dass die mögliche Insolvenzreife der Mandantin nicht bewusst ist.


Fazit: Nach § 252 Abs.1 Nr.2 HGB ist in der Handelsbilanz bei der Bewertung von einer Fortführung der Unternehmenstätigkeit auszugehen (going concern), sofern dem nicht tatsächliche oder rechtliche Gegebenheiten entgegen stehen. Ergeben sich bei der Erstellung des Abschlusses Hinweise darauf, dass ein Insolvenzgrund vorliegen könnte und demzufolge eine Bewertung zu Fortführungswerten nicht mehr zulässig ist, kann sich daraus eine Hinweispflicht des Steuerberaters gegenüber seinem Mandanten ergeben.


Um mögliche Haftungsansprüche zu vermeiden, sollte der Steuerberater schriftlich auf die konkreten Umstände hinweisen, die einer Bilanzierung zu Fortführungswerten möglicherweise entgegenstehen. Weist die Geschäftsführung ihn daraufhin ausdrücklich an, an dieser Bewertung festzuhalten (und ist diese nicht offenbar fehlerhaft), sollte eine Haftung für einen Insolvenzverschleppungsschaden nicht in Betracht kommen.

22. Mai 2017. Veranstaltung - Reform der Insolvenzanfechtung am 11.07.2017, HK Hamburg

„Reform der Insolvenzanfechtung“
Mittelstandsforum der Handelskammer Hamburg am 11. Juli 2017, 17.30 - 19.30 Uhr
Handelskammer Hamburg, Elbe−Zimmer
Adolphsplatz 1, 20457 Hamburg


Die Zahlungsunfähigkeit von wichtigen Vertragspartnern ist ein gefürchtetes Problem. Leicht
geraten auch vermeintlich „gesunde“ Unternehmen dadurch in Schieflage. Oft werden Risiken
viel zu spät erkannt: Plötzlich wird über den Geschäftspartner das Insolvenzverfahren eröffnet
und der Gläubiger sieht nur noch einen Bruchteil seiner Forderungen.


Auf der Veranstaltung werden die unterschiedlichen Aspekte einer Insolvenzanfechtung
erläutert und Präventionsmaßnahmen aufgezeigt. Anschließend werden Möglichkeiten zur
Sanierung von Unternehmen erörtert.


Veranstaltungsprogramm
17.30 Uhr Begrüßung und Moderation
Aylin Jacob, Handelskammer Hamburg
_______________________________________________________________________________
17.40 Uhr „ Einführung in die Grundlagen des Anfechtungsrechts“
Bundesverband ESUG, Herr Rechtsanwalt Dr. Hubertus Bartelheimer und
Rechtsanwalt Mike Zerbst,
_______________________________________________________________________________
18.10 Uhr „Anfechtungen vermeiden – Anfechtungsfeste Leistungen aufgrund eines
schlüssigen Sanierungskonzeptes“
Felbier Mall GmbH, Herr Gunnar Dresen
_______________________________________________________________________________
18.40 Uhr „ESUG – Neue Chancen zur Sanierung von Unternehmen“
Felbier Mall GmbH, Gunnar Dresen, Bundesverband ESUG,
Herr Rechtsanwalt Dr. Hubertus Bartelheimer und Rechtsanwalt Mike Zerbst,
__________________________________________________________________________
19.10 Uhr Diskussion und Fragen
_______________________________________________________________________________
19.30 Uhr “get together“

Anmeldung unter www.hk24.de/veranstaltungen,  VA-Nr.13199778

Anmeldeschluss ist der 06. Juli 2017.

07. März 2017. Sanierungserlass - Unternehmensbezogene Sanierungen steuerbegünstigt

Hamburg, 07. März 2017.

Mit Entscheidung vom 28. November 2016 hat der Große Senat des Bundesfinanzhofs (BFH) den seit 2003 geltenden Sanierungserlass des Bundes-finanzministeriums verworfen, weil dieser nach seiner Auffassung gegen den Grundsatz der Gesetzmäßigkeit der Verwaltung verstößt. Der Gesetzgeber nimmt sich bereits am 10. März 2017 des Themas an und berät über eine neue gesetzliche Regelung der Steuerbefreiung von Sanierungsgewinnen für die Einkommens-, Körperschafts- und Gewerbesteuer. Mit der Normierung des Gesetzes soll Rechtssicherheit für Unternehmenssanierungen hergestellt werden.

Dieser Schritt ist zu begrüßen, da der Sanierungserlass bislang ein wichtiger Bestandteil des Sanierungssteuerrechts war. Viele kleine aber auch große Sanierungen waren in der Vergangenheit nur deshalb möglich, weil die Finanzverwaltung auf die Erhebung von Steuern auf Sanierungsgewinne verzichtet hat.

Sanierungsgewinne, die aus einem Schuldenerlass durch die vorhandenen Gläubiger zum Zwecke einer unternehmensbezogenen Sanierung entstehen, sind auf Antrag des Steuerpflichtigen steuerfrei. Nach der geplanten gesetzlichen Neuregelung werden nur unternehmensbezogene Sanierungen begünstigt, die darauf gerichtet sind, ein Unternehmen oder einen Unternehmensträger vor dem finanziellen Zusammenbruch zu bewahren und wieder ertragsfähig zu machen.

Sind Sanierungsgewinne durch das Gesellschaftsverhältnis veranlasst, zum Beispiel wenn Forderungsverzichte nahezu ausschließlich durch Gesellschafter ausgesprochen werden, ist keine begünstigte Sanierung gegeben.

Steuerbegünstigt sind auch Sanierungsgewinne aufgrund von Forderungsverzichten im Rahmen eines Insolvenzplanverfahrens (§§217 ff. InsO), das nicht auf die Zerschlagung des Unternehmens ausgerichtet ist.

Weitere Voraussetzungen für eine Steuerbegünstigung sind:

  • die Sanierungsbedürftigkeit des Unternehmens,
  • die Sanierungsfähigkeit des Unternehmens,
  • die Eignung des Schuldenerlasses als Sanierungsmaßnahme und aus betieblichen Gründen und 
  • die Sanierungsabsicht der Gläubiger.

Verluste, die im Zusammenhang mit den Sanierungsgewinnen stehen, können – unabhängig, ob sie vor, nach oder im Jahr der Entstehung der Sanierungsgewinne anfallen – nicht steuerlich genutzt werden.

Die geplanten Neuregelungen stehen unter dem Vorbehalt der Zustimmung der Europäischen Kommission, die diese auf die Frage, ob es sich hierbei um europarechtlich unzulässige Beihilfen handelt, prüfen muss.

17. Februar 2017. Vorsatzanfechtung (§133 InsO) im Fokus

Hamburg, 17.Februar 2017.

Auch wenn mit der Umsetzung des bereits im Koalitionsvertrag niedergelegten Reformvorhabens innerhalb der aktuellen Legislaturperiode schon nicht mehr zu rechnen war, wurde nunmehr durch den Bundestag am 16. Februar 2017 eine Reform des Anfechtungsrechts beschlossen. Zwar sind die Änderungen ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung. Die Auswirkungen in der Praxis werden jedoch wahrscheinlich eher gering sein.

Hintergrund
Die sogenannte Insolvenzanfechtung ermöglicht es Insolvenzverwaltern, erhaltene Zahlungen von Gläubigern zurückzufordern. Der vermehrte Einsatz dieses Instruments in den vergangenen Jahren hat zu zahlreicher Kritik von Wirtschaftsverbänden und Unternehmen geführt verbunden mit Forderungen, die Gesetze zu ändern und finanzielle Risiken für Unternehmen zu reduzieren.

Wesentliche Änderungen im Einzelnen
Folgende Änderungen gelten für Insolvenzverfahren, die nach dem Inkrafttreten der Gesetzesänderung eröffnet wurden:

1. Verkürzung des Anfechtungszeitraumes gemäß § 133 InsO 
Der Zeitraum, für welchen Rechtshandlungen des Schuldners rückwirkend angefochten werden können wird, insbesondere auch für Zahlungen an den Warenlieferanten (Deckungsanfechtung), auf vier Jahre verkürzt. Vom Zehnjahreszeitraum sind nur noch Bankrotthandlungen und vorsätzliche Vermögensverschiebungen zulasten der Gläubiger erfasst.

Die Auswirkungen in der Praxis werden gering sein, da die meisten Fälle den Zeitraum innerhalb von vier Jahren vor Antragstellung betreffen.

2. Zahlungsunfähigkeit
Nach bisherigem Recht reichte für die Vorsatzanfechtung gemäß § 133 InsO eine drohende Zahlungsunfähigkeit auf Seiten des Schuldners und eine Kenntnis des Gläubigers hiervon aus. Erlangt der Gläubiger eine kongruente Sicherung oder Befriedigung (in der vereinbarten Art und Zeit, also beispielsweise nicht im Rahmen von Zwangsvollstreckungsmaßnahmen vom Zahlungspflichtigen), so bedarf es nach der
Neuregelung einer eingetretenen Zahlungsunfähigkeit auf Seiten des Schuldners und entsprechender Kenntnis des Gläubigers.

3. Zahlungserleichterungen
Im Falle der Gewährung von Zahlungserleichterungen (Stundung, Ratenzahlungsvereinbarung, etc.) erfolgt nunmehr eine Beweislastumkehr. Aufgrund einer Zahlungserleichterung wird nach dem Gesetzeswortlaut vermutet, dass der Gläubiger keine Kenntnis von einer Zahlungsunfähigkeit des Schuldners hatte. Das bedeutet also, dass der anfechtende Insolvenzverwalter das Gegenteil dieser gesetzlichen Vermutung beweisen muss.

Seitens mehrerer Richter des Neunten Senats beim Bundesgerichtshof wurde verlautbart, dass die neuen Regelungen nach Möglichkeit so angewendet werden sollen, dass sich keine Veränderungen gegenüber der bisherigen Rechtsprechung ergeben.

Voraussichtlich dürfte sich die Privilegierung der Gesetzesänderung daher auf „branchenübliche Zahlungserleichterungen“ beschränken, wobei dieser Begriff wiederum vollkommen unbestimmt ist. Hinzu kommt, dass Anfechtungen meistens nicht auf ein Beweisanzeichen alleine gestützt werden. Bei der Frage, ob der Gläubiger bei Zahlung wusste, dass der Schuldner zahlungsunfähig ist, sind immer mehrere
Beweisanzeichen zu beachten. Trotz der Gesetzesänderungen bleiben hier erhebliche Rechtsunsicherheiten bestehen.

4. Bargeschäft
Das Bargeschäft erhält zudem eine weitere Privilegierung/Konkretisierung. Erfolgt der Leistungsaustausch in einem Unmittelbarkeitsverhältnis (maximal 30 Tage zwischen Leistung und Gegenleistung), so ist die Rechtshandlung des Schuldners nur dann anfechtbar, wenn der Gläubiger wusste, dass der Schuldner unlauter handelte.

Auch diesbezüglich dürften die Auswirkungen in der Praxis gering sein, denn bei den meisten Geschäften findet kein Leistungsaustausch statt bei dem zwischen Leistung und
Gegenleistung maximal 30 Tage liegen. In vielen Branchen dürfte es auch undenkbar sein, dass auf solche Vereinbarungen umgestellt wird.

5. Zinsanspruch
Der Anfechtungsanspruch ist nach der Neuregelung nunmehr nach den allgemeinen Regelungen verzinslich. Also nur noch ab dem Datum, ab dem sich der Gläubiger mit dem Ausgleich des Anfechtungsanspruchs im Verzug befindet. Es bedarf also einer Fristsetzung/Mahnung, um den Verzugseintritt zu begründen. Bisher war der Anspruch ab dem Datum der Verfahrenseröffnung zu verzinsen, auch wenn der Gläubiger von der Geltendmachung des Anspruches keine Kenntnis hatte.

6. Arbeitslöhne
Besonders privilegiert wurden Arbeitslöhne. Zum Schutz von Arbeitnehmern vor einer Anfechtung erhaltener Löhne wurde der Bargeschäftszeitraum mit drei Monaten zwischen Arbeitsleistung und Gewährung des Arbeitsentgelts normiert.

In Anbetracht der ohnehin arbeitnehmerfreundlichen Rechtsprechung des Bundesarbeitsgerichts dürfte auch dieser Änderung wenig praktische Relevanz zukommen.

7. Keine Novellierung des § 131 InsO
Der Entwurf einer Novellierung des § 131 InsO, wie er noch im Regierungsentwurf vorgesehen war, wurde verworfen. Nach dem ursprünglichen Entwurf sollten Zahlungen aufgrund von Zwangsvollstreckungsmaßnahmen nicht mehr als inkongruent im Sinne des § 131 InsO gelten. Hiermit war insbesondere eine Privilegierung des Fiskus und der
Sozialversicherungsträger beabsichtigt. Hier gelten die alten Bestimmungen unverändert fort.

Ab wann gelten die Änderungen?
Grundsätzlich gelten die neuen Vorschriften nur für Insolvenzanfechtungsansprüche aus solchen Insolvenzverfahren, welche nach Inkrafttreten des Änderungsgesetzes eröffnet werden.

Eine Ausnahme bildet die Novellierung hinsichtlich des Zinsanspruchs. Diese Änderung gilt auch für Altverfahren, betrifft aber nicht solche Zinsansprüche, die bereits bei Inkrafttreten entstanden waren.

Fazit
Die Neuregelungen aufgrund des Reformgesetzes sollen Rechtssicherheit schaffen und sind eher „punktuelle Nachjustierungen“ als grundlegende Änderungen. Die Auswirkungen in der Praxis dürften überschaubar bleiben. Die weitergehenden Änderungen sind mit erheblichen Rechtsunsicherheiten für Gläubiger und Insolvenzverwalter verbunden. Hier bedarf es ergänzender Konkretisierung durch die Rechtsprechung im Hinblick auf die unbestimmten Rechtsbegriffe. Dabei steht zu befürchten, dass der Neunte Senat beim Bundesgerichtshof bemüht sein wird seiner bisherigen Linie treu zu bleiben. Die Auswirkungen auf Altverfahren sind äußerst gering und können allenfalls zu einer Verkürzung des Zinsanspruchs führen.

10. Februar 2017. Sanierungserlass - Großer Senat sieht Verstoß gegen Gesetzmäßigkeit der Verwaltung

Hamburg, 10 Februar 2017.

Mit Entscheidung vom 28. November 2016 hat der Große Senat des BundesFinanzhofs (BFH) den Sanierungserlass des Bundesfinanzministeriums verworfen.

Die im Sanierungserlass des Bundesministeriums der Finanzen (BMF) vorgesehene Steuerbegünstigung von Sanierungsgewinnen verstößt demnach gegen den Grundsatz der Gesetzmäßigkeit der Verwaltung. Die Finanzverwaltung kann sogenannte Sanierungsgewinne, die im Rahmen von Sanierungen durch Schuldenerlass von Gläubigern entstehen, nicht aufgrund eigener Entscheidungen von der Steuer befreien.

Steuert der Gesetzgeber nicht entsprechend gegen, ist davon auszugehen, dass Sanierungen zukünftig unter erschwerten Bedingungen erfolgen, da zusätzliche Liquidität für die anfallende Steuerlast erforderlich sein wird.

Hintergrund
Im Rahmen von Unternehmenssanierungen verzichten Gläubiger regelmäßig auf einen Teil ihrer Forderungen. Dies führt zu außerordentlichen Erträgen (Sanierungsgewinn), welche jedoch reine Buchgewinne darstellen und daher keine Auswirkungen auf die Liquidität des Unternehmens haben. Gleichzeitig erhöht sich das Betriebsvermögen, da die Passivseite der Bilanz entlastet wird.

Grundsätzlich ist dieser Gewinn seit der Unternehmenssteuerreform von 1997 steuerbar.

Im Nachgang zu dieser Reform empfahl das BMF den Finanzämtern jedoch, Ertragssteuern unter bestimmten Voraussetzungen, nämlich wenn ein Sanierungsplan vorgelegt wird, zu erlassen. Dies könnte sich nun ändern.

Zwar folgt aus dem Urteil des BFH nicht, dass Billigkeitsmaßnahmen generell unzulässig sind. Allerdings müssen die Finanzämter zukünftig jeden Einzelfall prüfen, ob tatsächlich ein Billigkeitsgrund für die Ausnahme von der Besteuerung vorliegt.

Auswirkungen
Der Sanierungserlass gewährte Unternehmen in der Krise eine steuerliche Begünstigung und war damit ein wichtiger Baustein des Sanierungsprozesses.

Für insolvenzbedrohte Unternehmen wird eine Sanierung zukünftig wahrscheinlich nun schwieriger.

Insolvenzverwalter befürchten sogar, „dass zukünftig statt der Sanierung des gesamten Unternehmens dessen Zerschlagung gewählt werden muss, um die negativen steuerlichen Folgen zu umgehen“, meint Dr. Christoph Niering, Insolvenzverwalter und Vorsitzender des Berufsverbandes der Deutschen Insolvenzverwalter (VID).

Ob es soweit kommt, bleibt abzuwarten. In jedem Fall ist jetzt der Gesetzgeber gefordert, eine gesetzliche Regelung zu finden, die für Klarheit sorgt.

01. Dezember 2016. Neschen erfolgreich saniert. Unternehmen an neuen Eigentümer veräußert.

  • Verkauf schließt 2012 begonnene Sanierung ab
  • Neschen seit 2014 wieder operativ profitabel
  • Sanierungsphase in Insolvenz in eigener Regie

Die Sanierung der Neschen AG, Bückeburg, ist erfolgreich abgeschlossen. Mit dem heute erfolgten Übergang aller wesentlichen Vermögensgegenstände sowie aller operativ tätigen europäischen Tochtergesellschaften der Neschen-Gruppe an einen Käufer hat die auf Unternehmenssanierungen spezialisierte Felbier Mall GmbH den Sanierungsprozess erfolgreich abgeschlossen. Der Verkauf setzt einen Schlusspunkt unter die im Jahr 2012 begonnene Sanierung. Felbier Mall hatte zunächst mit Henrik Felbier die CEO-Position neu besetzt und durch ein Team eigener Berater unterstützt. Nachdem das Unternehmen bereits 2014 wieder operativ profitabel war, sich aber keine Lösung mit einem Hedgefonds über die Restrukturierung der Fremdkapitalseite erzielen ließ, stellte Felbier Mall in der dann unausweichlichen Insolvenz ab April 2015 mit Henrik Felbier auch die Eigenverwaltung. Er führte das Unternehmen bis zum Verkauf.


Unternehmen 2012 vor dem Aus
Die Neschen AG wurde im Jahr 2000 durch die Eigentümerfamilie an die Börse gebracht. In die Krise geriet das Unternehmen, nachdem es kurz darauf einen bereits angeschlagenen, großen Wettbewerber in den USA übernahm. Zu diesem Zeitpunkt verzeichnete die Neschen AG EUR 160 Mio. Umsatz mit über 500 Mitarbeitern weltweit. Weitere strategische Fehlentscheidungen in den darauffolgenden Jahren und die sich daraus ergebenden operativen Verluste führten schließlich zu einer hohen Verschuldung. Zusammen mit den beständig sinkenden Umsätzen und Margen stand das Unternehmen im Jahr 2012 schließlich vor dem Aus.


Neschen seit 2014 wieder operativ profitabel
Aufgabe von Felbier Mall war es zunächst, die für die Restrukturierung erforderliche Liquidität zu generieren. Durch eine Vielzahl von Sofortmaßnahmen gelang es, sämtliche Restrukturierungskosten aus dem Unternehmen heraus zu decken. Nach der Schließung und dem Verkauf unrentabler Werke, von Unternehmensteilen und Produktbereichen hat Neschen durch grundlegende Reorganisation des gesamten Konzerns das Umsatzniveau stabilisiert. Zu diesen Maßnahmen gehörte unter anderen die Aufspaltung des Konzerns in eigenständige Produktions- und Handelsgesellschaften und die Entwicklung einer großen Anzahl neuer Produkte. Das Ergebnis dieser rund zweijährigen Sanierung war ein nachhaltig positives operatives Ergebnis ab 2014, das auch die Restrukturierungskosten abdeckte. Erst die erfolgreiche operative Sanierung hatte das Unternehmen nach gescheiterten Verhandlungen über die finanzwirtschaftliche Restrukturierung in die Lage versetzt, eine Passivseitenrestrukturierung über ein Insolvenzverfahren in Eigenverwaltung vorzunehmen. Diese Verfahrensart ermöglicht eine Sanierung in eigener Regie.


Sämtliche Gerichtsverfahren beigelegt und Unternehmen an strategischen Investor veräußert
Als Eigenverwalter bestellte das Gericht Henrik Felbier von Felbier Mall, als Sachwalter den Wirtschaftsprüfer und Steuerberater Arndt Geiwitz von Schneider Geiwitz & Partner, Neu-Ulm. Geiwitz prüfte regelmäßig die wirtschaftliche Lage des Unternehmens und überwachte die Geschäftsführung. Trotz komplizierter Kredit- und Sicherheitensituation gelang es, nach 20 Monaten sämtliche Gerichtsverfahren beizulegen und den Geschäftsbetrieb an den strategischen Investor Blue Cap AG, München, zu veräußern.

 

Über Felbier Mall GmbH
Felbier Mall ist eine auf Unternehmenssanierung spezialisierte Beratungs- und Management-Gesellschaft mit Sitz in Hamburg. Seit 2010 saniert und berät sie mit eigenen Managern und Beratern Unternehmen im letzten Krisenstadium vor oder nach Insolvenzanmeldung.

 

Kontakt
BSK Becker + Schreiner Kommunikation GmbH
Herr Tobias M. Weitzel
Gießerallee 6
47877 Willich
Telefon: +49 (2154) 81 22 18
E-Mail: weitzel@kommunikation-bsk.de

16. Dezember 2011. Neuer Finanzvorstand bei Neschen.

Presseartikel erschienen in der Schaumburg-Lippischen Landeszeitung,
Autor: Raimund Cremers

Bückeburg (rc). Die Neschen AG hat eine Veränderung in der Unternehmensleitung bekannt gegeben. Mit Beginn des kommenden Jahres wird Henrik Felbier zum Mitglied des Vorstandes bestellt. Felbier übernimmt dort die Position des Finanzvorstandes, ein Ressort, das bisher in den Aufgabenbereich von Vorstand Stefan Zinn gefallen ist. Diesen Beschluss fasste der Aufsichtsrat auf seiner Sitzung am 13. Dezember.


Wie der Aufsichtsratsvorsitzende Robert Gärtner auf Nachfrage unserer Zeitung mitteilte, soll „bei der zarten Pflanze Neschen AG“ noch mehr bewegt werden und sich Zinn künftig stärker um den Vertrieb kümmern als bisher. „Außerdem erhoffe ich eine Beruhigung der Gesellschafter“, spielte Gärtner auf den Umstand an, dass die vergangenen Jahre in erheblichem Maße von rechtlichen auch familieninternen Auseinandersetzungen geprägt waren.

 

Der neue Finanzvorstand Henrik Felbier von der Felbier Mall GmbH aus Hamburg ist seit 1997 im Rahmen von zahlreichen Unternehmenssanierungen tätig. Er soll die Neschen AG nach den Worten des Aufsichtsratsvorsitzenden weiter restrukturieren, einem Prozess, in dem sich Neschen schon seit einigen Jahren befinde. „Eine Insolvenz droht nicht“, sagte Gärtner auf entsprechende Nachfrage. Es gehe darum, dass Neschen weiter Fahrt aufnimmt. Die Prognosen seien in den vergangenen Jahren nicht erreicht worden: „Wir müssen Gas geben.“

 

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